Frau Professor Doktor Meyer zu Bexten

Prof. Dr. Erdmuthe Meyer zu Bexten

Die Landesbeauftragte für barrierefreie IT ist seit dem 21.09.2018 für die Umsetzung und Einhaltung der Richtlinie (EU) 2016/2102 zuständig. Zudem leitet sie die Durchsetzungs- und Überwachungsstelle sowie das Landeskompetenzzentrum Barrierefreie IT mit Sitz beim Regierungspräsidium in Gießen. Die Fachaufsicht hat das Hessische Ministerium für Soziales und Integration inne.

Zentrale Aufgabenbereiche sind die Unterstützung aller öffentlichen Stellen in Hessen bei der Umsetzung der Richtlinie (EU) 2016/2102. Die zentralen Aufgaben der Landesbeauftragen bestehen in der Bereitstellung von Informationen und der Sensibilisierung zum Thema „barrierefreie IT“. Dazu zählen auch Schulungen und Beratungen in dem Themenfeld. Bei Konflikten hinsichtlich der Behebung vorhandener Barrieren von Webseiten und Anwendungen öffentlicher Stellen wird die Landesbeauftragte als streitschlichtende Instanz aktiv. Zudem prüft sie bestehende Webseiten auf Barrierefreiheit durch die sogenannte Überwachungsstelle. Ziel ist es, öffentliche Einrichtungen und Stellen bei der Erstellung barrierefreier Webseiten und Dokumente zu unterstützen, sodass diese für alle Menschen, unabhängig ihres Alters, ihrer Bildung und / oder ihrer Einschränkung zugänglich sind.

Nicht behindert zu sein, ist wahrlich kein Verdienst, sondern ein Geschenk, das jederzeit jedem von uns genommen werden kann.

Richard von Weizsäcker ehemaliger Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland

Die Landesbeauftragte im Gespräch

INFORM: Sie haben Informatik mit den Nebenfächern Medizin und Elektrotechnik studiert. Was waren Ihre ersten Berührungspunkte mit Barrierefreiheit in der IT?

Prof. Dr. Meyer zu Bexten: Bereits in meiner Diplomarbeit bei der Siemens AG in München habe ich mich mit Xerox-Rechnern und den ersten  grafischen Benutzeroberflächen darauf beschäftigt. Menschen mit Behinderung waren damals, Ende der 1980er Jahre, noch keine Zielgruppe dieser  Anwendungen. Das kam erst später, als ich als Doktorandin an der Universität in Dortmund die erste Vorlesung (Rehabilitationstechnik) hielt und anfing, ab 1994 in Projekten mit Kindern mit Behinderung zusammenzuarbeiten. Wir entwickelten damals spezielle Softwaresysteme: Über das Drücken verschiedener Knöpfe mit Bildern konnten sie über den Computer einfache Sprachaussagen treffen. Damals hieß das aber noch nicht barrierefrei, sondern „zugänglich machen". Der Begriff der Barrierefreiheit in der IT ist erst in den letzten Jahren aufgekommen.

INFORM: Was hat sich seither getan in diesem Bereich?

Prof. Dr. Meyer zu Bexten: Technisch hat sich in der barrierefreien IT unheimlich viel getan und rasant entwickelt, sowohl bei der Soft- als auch bei der  Hardware. Vor einigen Jahren waren beispielsweise die Braillezeilen, mit denen blinde Menschen an Bildschirmarbeitsplätzen arbeiten, noch ziemlich große Apparate. Heute haben sie nur noch schmale Geräte in Form einer Leiste vor sich liegen. Oder denken Sie an die Sprachsteuerung im Auto - auch für den Alltagsgebrauch: Die ersten Generationen von Navigationsgeräten mussten die Sprache ihres Besitzers noch umständlich lernen. Heute kann jeder ad hoc drauflos sprechen. Aber auch das Bewusstsein für das Thema ist natürlich ein viel Größeres geworden und dafür werbe ich auch weiterhin.

INFORM: 1998 haben Sie das BliZ, das Zentrum für blinde und sehbehinderte Studierende, an der Technischen Hochschule Mittelhessen in Gießen  gegründet. Es ist bis heute einzigartig in der deutschen Hochschullandschaft. Was hat Sie dazu bewogen?

Prof. Dr. Meyer zu Bexten: In meiner Arbeit an den Hochschulen habe ich gemerkt, dass viele sehbehinderte und blinde Menschen sehr technikaffin  sind, aber zur damaligen Zeit gar nicht die Möglichkeit hatten, vor allem an den Fachhochschulen, technische Fächer zu studieren. Denn dort ist der Praxisanteil, wie beispielsweise bei einem Praxissemester in der Industrie, sehr hoch und das muss speziell für diese Menschen zugänglich gemacht werden. Dazu gehört auch die Umsetzung der unterschiedlichsten Formeln, Grafiken und Tabellen für blinde Studierende. Diese Lücke wollte ich  schließen und so kam mir 1997 die Idee für das BliZ. Seither baut es Barrieren für Betroffene im Studium ab, sei es durch Coachings,  Zurverfügungstellung spezieller Hard- und Software, die Durchführung barrierefreier Klausuren sowie die Umsetzung von Unterrichtsmaterialien in eine barrierefreie Form oder die Beratung der Dozentinnen und Dozenten. Dabei war es mir von Anfang an wichtig, Leute als Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter mit ins Boot zu holen, die selbst betroffen sind. Sie können am allerbesten beurteilen, was gut funktioniert und was nicht.

INFORM: Aufgrund Ihrer jahrelangen Erfahrung insbesondere als Leiterin des BliZ sind Sie im September 2018 als ehrenamtliche Beauftragte für barrierefreie IT von der Landesregierung berufen worden. Was sind Ihre wesentlichen Aufgaben?

Prof. Dr. Meyer zu Bexten: Als Landesbeauftragte sensibilisiere ich für die Sache und zeige auf, was geht, was man besser machen kann. Ich halte viele Vorträge - auch über die Landesgrenze hinaus - und möchte die Leute dafür gewinnen, dass barrierefreie IT mehr heißt, als nur die Schriftgröße  zu verändern. Vor allem muss man von dem Gedanken weggehen, dass dies nur für behinderte und kranke Menschen hilfreich ist. Barrierefreie IT betrifft jeden und bringt ebenso Vorteile für Techniklaien, ältere Menschen, Analphabeten oder Migranten, um nur einige zu nennen. Es ist für die  gesamte Bevölkerung wichtig und hilfreich.

INFORM: Seit 2016 ist die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen in allen Bereichen des Lebens über die EU-Richtlinie 2016/2102 gesetzlich geregelt. Sie fordert die Barrierefreiheit von Webseiten, mobilen Anwendungen und Dokumenten. Welche Rolle spielt das im öffentlichen Sektor und speziell in Hessen?

Prof. Dr. Meyer zu Bexten: Die Landesverwaltung hat schon vor Inkrafttreten des entsprechenden Gesetzes damit begonnen, über die konkrete  Umsetzung nachzudenken. Da sind wir in Hessen momentan noch in der Vorreiterrolle. Aber ich sehe es auch als meine Aufgabe an, mit den anderen  Bundesländern einen regen Austausch zu führen und unsere hohen Qualitätsstandards zu teilen. Es gibt neben der EU-Richtlinie 2016/2102 und den sich daraus ergebenden gesetzlichen Anforderungen aber noch Standards und Normen, die wir alle in unseren Bemühungen berücksichtigen  müssen; beispielsweise die Richtlinien für barrierefreie Webinhalte (WCAG) oder den internationalen Standard ISO 14289-1 für PDF-Dokumente sowie die Barrierefreie-lnformationstechnik-Verordnung (BITV 2.0) der einzelnen Bundesländer. Für die mobilen Anwendungen im Land arbeiten wir zusammen mit dem Digitalministerium gerade einen Richtlinienkatalog für Softwareentwickler aus. Er soll aufzeigen, was alles berücksichtigt werden muss, um mobile Anwendungen barrierefrei zu gestalten. Meine Erfahrungen zeigen: Die Behörden sind inzwischen sogar viel  mehr für die Thematik der Barrierefreiheit in der IT sensibilisiert als viele Unternehmen in der freien Wirtschaft, was die Umsetzung der gesetzlichen Richtlinien betrifft.

INFORM: Auf welche Herausforderungen stoßen Sie bei all diesen Bemühungen?

Prof. Dr. Meyer zu Bexten: Ich merke immer wieder, dass es an entsprechendem Knowhow fehlt. Das Fach „Barrierefreie IT" wird im Informatik-Studium an den Universitäten und Hochschulen nicht gelehrt und dementsprechend haben viele Informatikerinnen und Informatiker nicht das  notwendige Wissen, das es in diesem Bereich braucht. In meiner Vorlesung „Software-Ergonomie", die ich seit vielen Jahren an der Technischen Hochschule Mittelhessen halte, gehe ich ausführlich auf behindertenspezifische Hard- und Software sowie das Gebiet barrierefreie IT ein. Durch das BliZ, meine jahrelange Lehrtätigkeit und den vielen Umgang mit Menschen mit Behinderung habe ich ein ganz anderes Verständnis für die Thematik der Barrierefreiheit. Außerdem kommt man oft in Konflikt mit dem Corporate Design und den Webseiten-Designern, die bestimmte barrierefreie Lösungen von vornherein ausschließen. Auch Logos und Bilder müssen natürlich für einen sehbehinderten oder blinden Menschen erklärt werden.  Aber da habe ich in den letzten Jahren deutliche Verbesserun-gen wahrgenommen. Mein ganz großes Ziel als Landesbeauftragte und als Leiterin der Durchsetzungs- und Überwachungsstelle ist es deshalb, möglichst früh eingebunden zu werden. Denn wenn ich bzw. das LBIT von Anfang an die Gestaltung und Umsetzung mit begleite, wird vermieden, dass es bei den späteren Tests ein böses Erwachen gibt und die Behörden unter  Umständen kein gutes Testergebnis erzielen. Aber ich glaube nicht, dass dies in Zukunft oft vorkommen wird. Ich bin sehr glücklich darüber, dass mich, seit ich in meinem neuen Amt bin, viele Beschäftigte aus den Behörden kontaktieren und schon sehr eng mit mir bzw. dem LBIT  zusammenarbeiten.

INFORM: Auch in aktuelle Projekte der HZD sind Sie direkt von Anfang an mit eingebunden worden. Wie sieht die Zusammenarbeit aus?

Prof. Dr. Meyer zu Bexten: Mit der HZD habe ich vor allem Berührungspunkte durch Hessen Drive oder das E-Recruiting. Eine besondere Rolle spielen die vielen Portale, die momentan in Arbeit sind, insbesondere das neue Mitarbeiterportal MAP 2.0 . Aber auch in meiner Funktion als Leiterin des BliZ habe ich die HZD schon mehrfach getestet. Ich schätze sehr an der Zusammenarbeit, dass man uns immer schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt im Projektverlauf ins Boot holt, um die Barrierefreiheit von Anfang an mitzudenken. Außerdem haben Sie hier die Techniker mit an Bord, um in dieser Bildsprache zu bleiben. Der direkte Austausch zwischen Verantwortlichen und Fachleuten hat in der Vergangenheit immer zu sehr guten Ergebnissen geführt und ich bin mir sicher, dass wir dies auch beim neuen Mitarbeiterportal erreichen werden, das Ende des Jahres online geht.
Am Ende meiner Vorträge - und das soll auch für das Interview gelten - führe ich gerne mein Lieblingszitat von Richard von Weizsäcker an: ,,Nicht behindert zu sein, ist wahrlich kein Verdienst, sondern ein Geschenk, das jederzeit jedem von uns genommen werden kann."

Das Interview führte Simone Schütz, HZD.

(Auszug INFORM 3/19)